Gestaltung zukunftsorientierter Schulen im Zeitalter von KI 

Wir haben mit der australischen Pädagogin, Strategieberaterin und Autorin Dr. Anne Knock gesprochen, deren Arbeitsschwerpunkt die Gestaltung zukunftsorientierter Schulen an der Schnittstelle zwischen Lernen, Kultur und Raum ist. Sie bringt Erfahrung als Lehrerin mit, hat mit Führungskräften gearbeitet und berät Architekten. Im Rahmen ihrer Promotion untersuchte Dr. Anne Knock die kulturellen Voraussetzungen, die innovative Lernumgebungen zur Entfaltung bringen. Insbesondere ging sie der Frage nach, wie Lehrkräfte beim Co-Teaching zusammenarbeiten, Lernräume nutzen und sich an Veränderungen anpassen.

Bild: Anne Knock
Dr. Anne Knock unterstützt bei der Gestaltung zukunftsfähiger Lernumgebungen.

Dr. Knock, KI entwickelt sich zum Teil des täglichen Lebens. Wie wird sich das Ihrer Meinung nach auf den Schulalltag auswirken?

Dr. Anne Knock: KI hat ein außerordentliches Potenzial für Schulen. Während meiner Tätigkeit als Lehrerin mochte ich die Gestaltung vielfältiger Lernerfahrungen am liebsten. Doch Lehrkräfte machen häufig die Erfahrung, dass Verwaltungsaufgaben ihre Zeit verschlingen. Einen Teil dieser Arbeitsbelastung kann KI übernehmen, sodass sich Lehrkräfte auf kreative und beziehungsorientierte Aspekte ihrer Arbeit konzentrieren können – und damit auf die wichtigsten Aufgaben. Gerade im Hinblick auf individuelle Lernerfahrung hat KI ein großes Potenzial. 
Sie kann den Wissensstand der Schülerinnen und Schüler in einem Fach feststellen, die Inhalte entsprechend zuschneiden und ihnen helfen, in überschaubaren Schritten voranzukommen. Dabei werden Lehrkräfte nicht überflüssig, vielmehr wird ihr Beitrag verstärkt. So können sie die gewonnene Zeit auf die Betreuung der Schülerinnen und Schüler verwenden, deren Kenntnisse vertiefen und ihnen dabei helfen, das Wissen auf sinnvolle Weise anzuwenden.

Sie haben in Australien geforscht. Lassen sich Ihre Ergebnisse auf Europa übertragen? Stehen die dortigen Schulsysteme in Bezug auf KI vor ähnlichen Herausforderungen?

Dr. Anne Knock: Meine Arbeiten haben eine globale Dimension, einschließlich Europa. Zwar haben die jeweiligen Systeme ihre eigenen Strukturen und Traditionen, doch bei wesentlichen Fragen gibt es erstaunliche Übereinstimmungen. Auf allen Kontinenten beobachten wir ähnliche Herausforderungen – die Notwendigkeit, das Zugehörigkeitsgefühl der Schülerinnen und Schüler zu stärken, die Handlungskompetenz der Lernenden zu fördern, die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte zu verringern und Systeme zu gestalten, die Lehrkräfte wirklich unterstützen.
Die Gewinnung und die langfristige Bindung von Lehrkräften sind nicht nur in Australien Herausforderungen, sondern auch in ganz Europa und in anderen Regionen. KI wird sich auf alle Systeme auswirken, jedoch unterschiedlich stark. Die Bereitschaft hängt von der Infrastruktur, der Vernetzung, der Überzeugung der Schulleitungen und von den politischen Rahmenbedingungen ab. Doch die menschliche Erfahrung in der Schule, der Wunsch nach sinnvollem Lernen und nach einer förderlichen Lernkultur sind universell. Genau hier wird Gestaltung zu einem Ansatz, der alles vereint.

In der Reggio-Emilia-Pädagogik, ein pädagogischer Ansatz aus Italien, wird das Umfeld als „dritter Lehrer“ bezeichnet. Trifft das angesichts KI überhaupt noch zu?

Dr. Anne Knock: Absolut. In der Reggio-Pädagogik gilt das physische Umfeld als wesentliche Voraussetzung für das Lernen, als aktiver Partner neben den Lehrkräften und der Familie. Deshalb werden Lernräume bewusst so gestaltet, dass sie Neugier wecken, zum Erkunden einladen und soziales Lernen fördern.
Mithilfe von KI kann der Wissenserwerb gefördert werden. Doch die tiefergehende Lernerfahrung entsteht erst durch die Menschen, eben gemeinsam. Kollaboratives Arbeiten, Kreativität, praktische
Experimente – all dies erfordert einen konkreten Raum. Laborräume, MINT-Studios und Makerspaces bleiben wichtig, denn junge Menschen können dort Ideen ausprobieren, Prototypen für Lösungen anfertigen und an echten Fragestellungen arbeiten. KI liefert Informationen, doch Lernumgebungen bieten Erfahrungen.

Wie können Unternehmen wie Waldner und Hohenloher die Schulen bei der Integration von KI unterstützen?

Dr. Anne Knock: Wir stehen an der Schwelle einer Ära des Sowohl-als-auch. Schulen brauchen hochwertige physische Umgebungen und intelligente digitale Systeme. Waldner und Hohenloher spielen eine wichtige Rolle dabei, diese beiden Welten zu verknüpfen.
Zweckmäßig gestaltete naturwissenschaftliche Unterrichtsräume und flexible Lernräume gestatten Schülerinnen und Schülern, sich nahtlos zwischen dem Erwerb von Wissen und seiner Anwendung zu bewegen. Modulare Systeme fördern kollaboratives Arbeiten, forschendes Lernen und kreatives Experimentieren. Wenn physische und digitale Workflows aufeinander abgestimmt sind, können Schulen flexiblere, integrierte Lernerfahrungen gestalten. Hier verstärken sich Gestaltung und Technologie gegenseitig.

Welche Rolle spielen Mobiliar, Geräte und Medien in einer KI-reichen Zukunft?

Dr. Anne Knock: Die komplexen Herausforderungen, denen sich junge Menschen künftig stellen müssen, können nur in Teams und nicht von Einzelnen gelöst werden – von der Nachhaltigkeit über die Weltgesundheit bis hin zum ethischen Einsatz von KI. Daher benötigen wir Lernumgebungen, die Teamarbeit, Reflexion, Kreativität und Problemlösungskompetenzen fördern. Genau deshalb ist die Arbeit von LEA (Learning Environments Australasia) so wichtig, mit der die Verbindung zwischen Bildung und Gestaltung gestärkt wird.
KI wird sich weiterentwickeln, weit über unser heutiges Vorstellungsvermögen hinaus. Doch eine durchdachte Raumgestaltung wird weiterhin entscheidend sein. Technologie mag den Wissenserwerb unterstützen, doch Räume bringen die menschlichen Aspekte des Lernens erst so richtig zur Entfaltung. Partnerschaften von Pädagogen und Architekten sind wichtig und machen eines deutlich: Wenn wir Räume speziell für das tägliche Lernen gestalten, fördern wir die menschlichen Fähigkeiten, die eine künstliche Intelligenz nicht nachahmen kann.

Chancengleichheit ist im Zusammenhang mit KI ein globales Anliegen. Stehen wir auf allen Kontinenten vor gemeinsamen Herausforderungen?

Dr. Anne Knock: Ja, und die Muster sind global. Ohne bewusste Planung laufen wir Gefahr, dass es in Bezug auf KI zu einem „Haben und Nichthaben“ kommt. Infrastruktur, Geräte, Datenschutzrichtlinien, Pädagogik und das Vertrauen der Lehrer beeinflussen die Chancen der Schülerinnen und Schüler.
Auch Räume wirken sich auf die Chancengleichheit aus. Sie können einen Vorteil vergrößern oder dazu beitragen, die Bedingungen anzugleichen. Weltweite Zusammenarbeit ist entscheidend. Netzwerke wie LEA sind ein Modell dafür, wie Pädagogen und Architekten ihre Erkenntnisse austauschen und überregional Kompetenzen entwickeln können. 

Eine Frage zum Schluss: Welchen Rat würden Sie Architekten, Stadtplanern und Wissenschaftlern geben, die zukunftsorientierte Lernumgebungen gestalten?

Dr. Anne Knock: Ich würde sagen: Beginnen Sie bei den Zielen und den Menschen, nicht bei den Produkten oder den Räumen. Die Vision sollte bestimmen, wie die Räume gestaltet werden. Orientieren Sie sich eher an Ökosystemen, weniger an einzelnen Klassenzimmern. Stellen Sie Anpassungsfähigkeit, Wohlbefinden, Zugehörigkeitsgefühl und Beziehungen in den Vordergrund. Diese Bedürfnisse sind zeitlos.
Nutzen Sie gestaltungsorientierte Prozesse und beziehen Sie dabei Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler mit ein. Wichtig ist auch, multidisziplinäre Erfahrungen zu berücksichtigen. Wenn Fachkräfte aus den Bereichen Architektur, Pädagogik, Wissenschaft und Technologie zusammenarbeiten, schaffen wir Lernumgebungen, in denen junge Menschen nicht nur für das Heute lernen, sondern sich auch für das Morgen entfalten.

Dr. Anne Knock

Dr. Anne Knock
Director of Culture, Strategy and Learning Environments Design
The Learning Future | www.thelearningfuture.com

Heute arbeitet Dr. Anne Knock international mit Bildungseinrichtungen, Architekten und Systemverantwortlichen, um neue Lernökosysteme für eine sich rasant wandelnde Welt zu konzipieren. Sie steuert seit vielen Jahren Beiträge für Learning Environments Australasia (LEA) bei und arbeitet mit Planungspartnern zusammen, um pädagogische Visionen in entsprechende Lernräume zu übersetzen. 
In ihrem neuen Buch "School by Design: Transforming Learning, Culture and Place” verbindet Dr. Anne Knock Gestaltungsgrundsätze, Systemdenken und neue Technologien, um Schulen dabei zu helfen, Komplexität mit Klarheit und Zielorientierung zu meistern.

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