Nachhaltig lernen

Was bedeutet „Nachhaltigkeit“ am Lernort Schule? Viel mehr als nur effiziente Gebäudetechnik und Abfallvermeidung. Das zeigt die Schulgemeinschaft der Berufsbildenden Schulen I (BBS I) in Uelzen und ist ein Leuchtturm für gelebte Nachhaltigkeit. Mit ihrem neuen Schulgebäude geht sie noch einen Schritt weiter – und denkt Schule komplett nachhaltig und neu.

Nachhaltiges Lernen an Schulen

Fridays for Future kennt jeder. Die Berufsbildenden Schulen I (BBS I) in Uelzen? Wohl eher wenige. Dabei lohnt sich ein Blick in den Nordosten Niedersachsens, auf die kleine Hansestadt Uelzen. Die BBS I sind nur äußerlich ein ganz normales Schulzentrum. Schaut man hinein, zeigt sich hier ein europaweiter Leuchtturm für Nachhaltigkeit in der Schule. Denn hier umfasst Nachhaltigkeit viel mehr als Umwelt- und Klimaschutz. Es geht auch um nachhaltiges Lernen und Arbeiten, nachhaltiges Wirtschaften und soziale Gerechtigkeit. Dabei orientiert sich die Schule an den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen, den Sustainable Development Goals. Es geht also um ziemlich viel und betrifft im Grunde alle Bereiche, die unter „Schule“ subsumiert werden: Lernen wie Lehren, Administration wie Technik, um nur ein paar Schlagworte zu nennen. Die BBS I sind inzwischen ein „Kompetenzzentrum für die nachhaltige berufliche Bildung“ und tragen den Titel Umweltschule in Europa. Ebenfalls ist hier die Leitstelle für ein europäisches Berufsbildungsnetzwerk, geführt von Oberstudiendirektor Stefan Nowatschin, dem Schulleiter der BBS I.

Schule neu gedacht

Was heißt das nun ganz konkret, „Nachhaltigkeit an der Schule“? Hier einige Beispiele: Erst einmal lässt sich ganz klassisch in allen Ausbildungsberufen ein nachhaltiges Thema finden, sei es das Insektenhotel für Schreiner, umweltfreundliche Farben für Maler, ressourcenschonende Antriebssysteme für Kraftfahrzeugmechatroniker oder die Ökobilanz für alle. Auch lässt sich Englisch mit einem Nachhaltigkeitsthema lernen. Im Deutschunterricht stehen darüber hinaus Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenz auf dem Plan. Damit geht es schon um mehr als Umweltschutz, nämlich darum, jungen Menschen Selbstbewusstsein, Empathie und globale Verantwortung zu vermitteln.

Schulkooperationen mit Ländern wie u. a. Estland, Italien, Malta und China ermöglichen den Schülern darüber hinaus einen Blick in andere Kulturen. Für die Nachhaltigkeitsprojekte, die am BBS I in allen Schulformen auf dem Lehrplan stehen, können Schüler „querbeet“ zusammenarbeiten, d. h. Schulform übergreifend und interdisziplinär – und sich mit Partnerunternehmen der Schule zusammentun. Ganz in diesem Sinne sind auch die Schülerfirmen HoBaTec und NABU entstanden. In der ersten „Firma“ fertigen Schüler der Bau- und Holztechnik ihre Lernprojekte bereits aufgrund von Aufträgen von außen an – wie z. B. den Trainerunterstand für einen Sportverein. In der zweiten werden aus heimischen Hölzern u. a. Fledermauskästen für den gleichnamigen Naturschutzbund Deutschland (NABU) hergestellt. Geht es nach Stefan Nowatschin soll das Konzept nicht nur europa-, sondern auch weltweit Nachahmer finden. Bereits 2016 lud ihn die UNESCO zum Weltklimagipfel nach Marrakesch und zur Eröffnung der 1. Chinesischen Industrie Expo nach Shenzhen ein. Seine klare Überzeugung ist: „Nicht nur die Lehrpläne, alles, bis hin zu den Schulgebäuden muss mit Blick auf die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen vorbildlich modernisiert werden.“
Das passende Schulgebäude jedoch war den BBS I bisher verwehrt. Nun stand solch eine Modernisierung an. Der Grund: Ein Schulhaus an einem anderen Standort ist veraltet und nicht sanierbar. Schüler und Lehrer sollen umziehen. Aus zwei Standorten soll einer werden. Die BBS I und II werden zu einem Berufsschulcampus – und dieser benötigt neue nachhaltigkeitsorientierte Gebäude.

Form folgt Funktion

Doch wie soll so ein BBS-Campus aussehen, wenn er möglichst alle Aspekte der Nachhaltigkeit erfüllt? Klar war, die Form sollte der Funktion folgen. Bis ins 20. Jahrhundert war es leider eher umgekehrt und sahen Grundrisse von Schulen denen von Jugendstrafanstalten und Militärkasernen ähnlich – mit entsprechenden Folgen für den Unterricht. Also nun, Form folgt Funktion. Und an diesem Punkt machten alle an der Schule Beteiligten einen sehr mutigen Schritt: Sie setzten erst einmal alles auf Null, tabula rasa. In geleiteten Workshops stellten sich Lehrer, Schüler, Verwaltungskräfte, Ausbildungspartner, Elternvertreter, usw. die Frage: Wenn wir wirklich bei null anfangen können, was ist dann eine nachhaltige Schule, beziehungsweise, wie soll sie für uns sein? Braucht es Stundenraster, strikte Fächertrennung, Berufstrennungen, braucht es Klassen- oder eher Lernräume? Was kann gemeinsam, was nur alleine genutzt werden? „Die Lehrkräfte waren sehr mutig und drehten ihr gewohntes Unterrichtskonzept komplett um. Das haben wir in der Form noch nicht erlebt“, berichten Architekten, die die Moderation der „Planungsphase 0“ übernommen haben. Das Architekturbüro wurde von der Schule als Impulsgeber und Berater hinzugezogen. Als Fachberater fungierten die Unternehmen Hohenloher und Festo Didactic.

Nach vielen Workshops stand fest: Es wird radikale methodische Veränderungen geben, die wiederum die technische und bauliche Planung grundlegend beeinflusst. Einige Beispiele: Wenn es eine top ausgebaute digitale Infrastruktur gibt, dann können Lehrer und Schüler auf ganz andere Medien zugreifen, ganz anders lehren und lernen. Der klassische Frontalunterricht ist damit passé. Denn der Zugang zur digitalen Lernumgebung ist weder zeit- noch ortsgebunden. Damit sind offene Lehr- und Lernformen möglich, die klassischen Unterrichtszeiten können teilweise aufgehoben werden. Die Schüler lernen vermehrt selbstorganisiert – und ganz auf ihre individuellen Fähigkeiten angepasst. Das wiederum erfordert ganz andere, flexibel zu gestaltende Lernräume für Kleingruppen, individuelles Lernen, „normale“ Klassen, etc. Die Räume werden nicht strikt nach Fächern, sondern nach ihrem optimalen Nutzen in verschiedene Zonen aufgeteilt und können kombiniert werden. Damit dies möglich ist, erfolgt die Medienversorgung dieser Räume über deckenhängende Systeme. Die mobile Inneneinrichtung kann so flexibel und unabhängig von Versorgungsanschlüssen angeordnet werden. Auch das Lernmaterial ist gut geordnet und mobil. Das alles zusammen erlaubt wiederum Synergieeffekte, sowohl in der Nutzung der Flächen als auch in der Nutzung der Ausstattung.

Lerninhalt Zukunft

Eine weitere Frage in den Workshops war: Wie werden Berufe, die heute noch gelernt werden, in Zukunft aussehen? Wird es sie noch geben? Welche Fähigkeiten werden benötigt? Die Antwort war: Die strikte Fächeraufteilung wird aufgelöst. Stattdessen werden in den einzelnen Fachbereichen verwandte Fächer in Gruppen zusammengefasst. Um die Berufsschüler fit für die Zukunft zu machen, soll ein neuer Fachraumtypus entwickelt werden, der die Auszubildenden an fachübergreifende Zukunftstechnologien heranführt, wie z. B. die Robotik, den 3D-Druck, die Virtuelle Realität und Lasertechnik etc. Natürlich wird es auch moderne Werkhallen geben. Damit jedoch mehrere Fachbereiche unkompliziert auf sie zugreifen können, wird im Neubau jede Werkhalle von zwei Seiten durch unterschiedliche Unterrichtsräume „eingerahmt“. Damit hat jeder Unterrichtsraum einen Zugang zu ihr und kann sie nutzen.

Auch die Technik des Gebäudekomplexes soll zukunftsweisend und nachhaltig sein. Durch eine passive Kühlung und Lüftung wird der technische Aufwand gering gehalten und spart darüber hinaus Energie. Ressourcenschonende und recyclingfähige Materialien sollen verbaut, versiegelte Flächen der Natur zurückgegeben werden. Eine intensive Dachbegrünung und damit Verdunstungsfläche ist geplant – der gewollte Nebeneffekt: Von jedem Stockwerk aus ist ein Blick ins oder aufs Grüne möglich. Alles ist hell und durchlässig gestaltet. Fest steht: das Konzept ist zukunftsweisend – und wird sicher Schule machen.

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